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24 Tote - und wir machen weiter!

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Wenn eine mehr oder weniger kleine Gruppe Menschen beschließt, alles daran zu setzen, andere Menschen in Lebensgefahr zu bringen oder sogar zu töten, dann sollte man von einer in Deutschland verbotenen Tat ausgehen, der empfindliche Strafen nach sich zieht. Doch anscheinend ist noch nicht genug Blut geflossen und der Kampf um mehr Leichen geht weiter.

Zugegeben, selbst Hand angelegt hat keiner der Verantwortlichen, wahrscheinlich fühlen sie sich noch nicht einmal schuldig, dass am 24.11.2001 zwei Dutzend Menschen schlagartig den Tod fangen und einige weitere ihr Leben lang diesen Tag nicht vergessen werden. Genau genommen trifft die unmittelbare Schuld sogar andere, einige von ihnen selbst Opfer, aber dennoch haben sie den Weg bereitet, damit es zu diesen Toten kommen konnte.

An besagtem Novembertag verzögerte sich der Abflug von Crossair-Flug 3597 nach Zürich um gerade einmal 10 Minuten. Alles ist in Ordnung, bis sich die Maschine dem Züricher Flughafen nähert. Durch die Verspätung werden kurzfristig Landebahn und Landerichtung geändert. Zwischen dem Flugzeug und der sicheren Landeschwellen liegen nur noch wenige Kilometer - und ein Berg. Die Wetterbedingungen verschlechtern sich, die Piloten machen einen Fehler und am Gipfel fehlen schließlich wenige Meter. Der Avro RJ100 streift die Bäume und stürzt brennend auf die Rückseite des Bergs, 24 Menschen sind tot, neun Menschen überleben zum Teil schwer verletzt.

Selbstverständlich haben die Piloten und auch zwei Lotsen im Züricher Tower unterschiedliche Fehler gemacht und tragen ihren Teil der Schuld an diesem unnötigen Absturz, aber eine nicht unbedeutende Frage ist auch: Warum wurde der Anflug kurzfristig geändert? Geplant war ein Anflug auf die perfekt ausgestattete Landebahn 14 und technisch stand dem rein gar nichts im Wege, nur eine politische Kleinigkeit verhinderte eine sichere Landung: Der Anflug auf die 14 führt über Bundesdeutsches Gebiet und war nach 21:00 Uhr nicht mehr erlaubt.

Diese Einschränkung wurde zwischen Deutschland und der Schweiz auf politische Ebene vereinbart, auf Druck dieser kleinen Gruppe, die rein gar nichts aus dem Vorfall gelernt hat und weiterhin versucht, den Anflug auf Zürich möglichst gefährlich zu gestalten. Wann immer jemand das Zauberwort "Fluglärm" nennt, findet er sofort viel Beachtung, hat die Presse auf seiner Seite und viel Mitleid. Genau so kam es zu der Einschränkung für den Züricher Flughafen und letztendlich zum Crash.

Warum aber ist mir dieses Thema nach mehr als 12 Jahren einen Blogpost wert? Es gibt im Raum Bodensee auch Fluglärm, da ist sich der Südkurier so sicher, dass er den Aktivisten eine eigene Webseite widmet, aber was genau ist Lärm?

Ich habe nichts gegen Lärmschutz, ganz im Gegenteil. Ich lebe selbst auf dem Land, umgeben von allerlei Kinderlärm, aber keinen Autobahnen, Bahngleisen oder Bundesstraßen. Oh, und dann ist da noch ein Verkehrsflughafen in der Nachbarschaft, dessen Luftraum sich auch über unser Zuhause erstreckt, ebenso seine Anflugrouten. Wir haben regelmäßig alle Arten von Verkehrsflugzeugen über uns, Hubschrauber fliegen hier rum und auch die Transalls auf dem Weg zum nahegelegenen Luftwaffen-Fliegerhorst tummeln sich gelegentlich nicht sehr hoch über uns. Selbstverständlich hört man die Luftfahrzeuge allesamt, aber beschwert sich jemand? Viel schlimmer sind aufgemotzte Autos oder Motorräder, die auf der nicht gerade nahegelegenen Hauptstraße ihre Balzrufe ausstoßen, bei denen man - ganz im Gegenteil zu den Luftraumnutzern - sein eigenes Wort nicht mehr versteht.

Nicht gerade selten besuchen wir Freunde, deren Haus wenige hundert Meter vor der Landeschwelle liegt. Es ist jedes Mal wieder ein beeindruckendes Schauspiel, wenn ein A320 in voller Landekonfiguration zur Schwelle schwebt, keine hundert Meter über dem Boden - und man direkt darunter steht. Unterhalten kann man sich dabei auch problemlos und in diesem Bereich ist Schallschutz mit Dreifachverglasung sowieso Standard - bezahlt vom Flughafen. Sind die Fenster zu, hört man gar nichts mehr von draußen, auch keinen abgesägten Auspuff. Können wir jetzt auch neue Fenster auf Kosten des Straßenbauamts kaufen? Bestimmt nicht.

Eine neue Studie möchte jetzt den Zusammenhang von Fluglärm und Schlafproblemen bewiesen haben. Dazu wurden 75 Personen mit nachgemachtem Instant-Fluglärm beschallt. Naja, nicht ganz - abzüglich der Kontrollgruppe. Es stellte sich heraus, dass ein Mensch Nachts auf Lärm reagiert - dazu hätte man einfach ein beliebiges, frischgebackenes Elternpaar fragen könne, das Nachts von ihrem Baby geweckt wird - und vollkommen überraschend stellte sich auch heraus, dass ein Mensch sich nach einer Nacht nicht an den Lärm gewöhnt hat. Ich bin kein Wissenschaftler, aber selbst als Laie wäre es mir viel zu peinlich, eine Testgruppe von maximal 75 Personen als ernsthafte wissenschaftliche Studie zu verkaufen. Das sich eine Gewöhnung an so etwas wie Lärm nicht binnen einer Nacht einstellt, ist auch selbstverständlich - sonst würden die armen Babys ab der zweiten Nacht zu Hause verhungern.

Vor ein paar Jahren hatte eine Studie - zu der ich leider gerade keinen Link finde - zweifelsfrei ergeben, dass Milch Prostatakrebs auslöst. Ganz nebenbei kam schließlich raus, dass die Studie von Coca Cola gesponsort wurde. Wie heißt es so schön: Ein Schelm, wer dabei Böses denkt. Wie bei jeder guten Statistik, richtet sich das Ergebnis jeder Studie nach ihren - vorher festgelegten - Rahmenbedingungen: Möchte ich einen Zusammenhang zwischen hoppelnden Häschen und Erdbeben beweisen, lässt sich bestimmt auch eine Untersuchungsmethode finden, die diesen belegt.

Den 24 Opfern von Zürich hilft das alles nicht mehr. Sie sind tot und so wie es derzeit aussieht, werden sie nicht die Letzten sein, denn auch in Frankfurt, Köln/Bonn und bei vielen anderen Plätzen arbeiten die Fluglärm-BIs fleißig an ihrem Ziel: Sicheres Fliegen muss unmöglich werden! Nur in Berlin bleibt das Ganze wohl eher eine theoretische Diskussion - denn ohne Flughafen gibt es auch keinen Fluglärm.

Eine Fluglärm-Lobby haben wir hier selbstverständlich auch und sie werden auch nicht müde, über die ach so schlimme Belastung zu jammern. Glücklicherweise haben wir aber keine Berge in der Nähe...

PS: Dieser Post mag sehr überzogen scheinen und vermutlich ist er das auch. Ich bin es nur leid, dass diese Diskussion immer nur in eine Richtung geführt wird und zwar von allen Seiten. Es werden immer andere Routen gefordert, Flugverbote, Flughafenschließungen - ohne, dass an die Auswirkungen gedacht wird.

 

1 Kommentar. Schreib was dazu

  1. Ich mag deine ironischen Anmerkungen :-)
    Ob die Deutsche Bahn neue Fenster springen lassen würde? Immerhin fahren hier sogar nachts Güterzüge, bei denen das ganze Haus wackelt. Schlafprobleme hatte ich deswegen aber noch keine - und mein Fenster ist nachts offen. :-)

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