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Hängt ihn auf!!!

Im wilden Westen war es noch so schön einfach: Steht ein Fremder neben Deinem Pferd, schreist Du einmal laut "Pferdedieb" und der Mob hängt ihn am nächsten Baum auf. Wenn der Film sonst nichts zu bieten hat, gibt es vielleicht vorher noch ein Geschworenengericht, bei dem Zuschauer und Geschworene schon vor Prozessbeginn den Strick für den Angeklagten fordern. Glücklicherweise ist das alles vorbei und sowiesonur im Fernsehen und Kino so. Oder nicht?

Leider ist es doch nicht vorbei. Heute früh veröffentlichte ein bekannter Drei-Buchstaben-Fernsehsender, der sich damit rühmt, erfundene Geschichten im TV als Realität zu verkaufen, eine Kurzmeldung auf seiner Internetseite:rtl.de_meldung_19.03.2014.pngDie Reaktionen waren typisch für den modernen wilden Westen:fb_kommentare_19.03.2014.pngAlso sparen wir uns Ermittlungen, einen Prozess, Sachverständige und Richter und nehmen einfach den nächsten Baum. Kostet nur 15 Euro und die Zuschauer haben obendrein noch ihren Spaß.

Nur um das nochmal klarzustellen: Ich möchte den Täter nicht verteidigen. Vielleicht hat er versucht, seine Familie aus Liebeskummer umzubringen, dann gehört er wegen versuchten dreifachen Mordes verurteilt.

Kindsmörder in Köln?

Die Welt berichtete vor ein paar Tagen über einen ähnlichen Fall in Köln: Ein Mann verfolgte dort zwei kleine Kinder. Eine 6jährige und ihre 10jährige Freundin spielten ganz unschuldig am Rhein. Plötzlich sprintet der 47jährige Ali K. auf sie los und erwischt die 10jährige. Die 6jährige kann zunächst entkommen, bevor er sie doch noch erwischt und spurlos verschwindet. Die 10jährige überlebt, die 6jährige ist tot, Ali K. ist immernoch verschwunden und die Polizei hat wenig Hoffnung, ihn schnell zu finden.

Wie sollte Ali K. bestraft werden? Reicht kastrieren aus? Lieber lebenslang Gefängnis oder gleich der Strick? Nun, wenn ich ihn ohne Urteil schon beim Namen nenne, ist sicher etwas faul. Meine Darstellung entsprach der Wahrheit, allerdings fehlten ein paar unbedeutende Details.

Die beiden Kinder spielten am Rhein, fielen dann allerdings in selbigen. Der vermeintliche Täter war zufällig in der Nähe und sprang hinterher. Zusammen mit einer Joggerin gelang es ihm, beide Kinder zu retten, bevor er selbst Opfer der Fluten wurde. Seine Leiche wurde bis heute nicht gefunden und dass die 6jährige später im Krankenhaus verstarb ist bestimmt nicht ihm anzulasten. Er ist - bei Kenntnis aller Fakten - unzweifelhaft ein Held und kein Täter.

Natürlich ist diese Variante vollständiger und wahrheitsgetreuer - aber sie ist kein so schöner Aufreger wie die erste, nur leicht gekürzte Berichterstattung.

Genau hinschauen

Ich möchte den Vater aus Franken weder verteidigen, noch verurteilen. Ich möchte mir auf Grund einer halbgaren Kurzmeldung keine Meinung bilden. Was genau steht denn dort überhaupt? Ein Paar hatte Streit, die Frau ist ausgezogen und wollte die Trennung. Ihre Kinder hat sie beim Vater und Exfreund gelassen. Sie oder ihre Schwester - so genau geht das gar nicht hervor - hat irgendwelche Andeutungen gegenüber der Polizei gemacht und die hat offensichtlich keine Hundertschaft mit Blaulicht in Bewegung gesetzt und das Haus gestürmt, sondern zwei Beamte zum nachschauen geschickt.

araneeja_zitat.png(Viel) mehr Informationen stehen in dem Artikel nicht, allerdings wird gleich ein Zusammenhang gesehen und eine unbegründetete Vermutung als einzig mögliche Schlussfolgerung präsentiert. Vielleicht war die Mutter zurückgekehrt und hat, als sie die Beamten kommen sah, die Tat selbst begangen. Dass ihr Ex dann stolperte und hinterherfiel war nicht geplant, aber ein glücklicher Zufall. Diese Theorie ist genauso sicher, wie die andere - aber sie ist nicht so schön medienwirksam wie der kindsmordende liebeskranke Vater.

Zebras und Hufgeklapper

Ein bekanntes Sprichwort empfiehlt, doch eher das naheliegenste anzunehmen, als in unseren Breitengraden Zebras auf offener Straße zu erwarten. Aber weder so, noch nach dem Racheprinzip funktioniert unser Rechtssystem. Heinrich Schmitz hat dazu einen sehr gut recherchierten Artikel geschrieben. Anlass war ein ähnlicher Shitstorm wie der obige nach einer Bewährungsstrafe für einen des 160fachen sexuellen Kindsmißbrauchs schuldigen Täters.

Vor zwei Jahren wurde ein damals 17jähriger aus Emden beinahe von aufgebrachten Facebook-Nutzern getötet, nachdem er mit der Vergewaltigung und dem Tod der 11jährigen Lena in Verbindung gebracht wurde. Dumm nur, dass zwei Tage nach der Aktion der tatsächliche Täter gefasst wurde und das Verbrechen gestanden hat. Der 17jährige war nur schuldig, den gleichen Pullover wie der Täter zu besitzen. Wird er zeitlebens darüber hinwegkommen?

Araneeja hat vollkommen Recht mit ihrem Zitat. Ich hoffe - für alle Unschuldigen - dass die Ermittler und Richter dieses nicht bestätigen. Unser Rechtssystem basiert auf Abschreckung und nicht auf Rache - im Gegensatz zum verfilmten Wilden Westen.

 

2 Kommentare. Schreib was dazu

  1. Ich geb dir recht Basti :( Leider hilft das viele reden nichts, die meisten menschen verurteilen schon nach einer Twittermeldung die sie gelesen haben

  2. Das stimmt. Zu viele Leute urteilen einfach schon direkt nach dem, was sie in den Medien hören/sehen. Ähnlich wie bei dem Uli Hoeneß Fall, wo ihn alle schon verurteilt haben, obwohl zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal die Gerichtsbverhandlung war.

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